Viehkoppeln in der Heide
Im Rheinisch-Bergischen Teil des Geisterbusches sind Elektrozäune aufgestellt worden. Ab der Vegetationsperiode 2003 werden auf den neu entstandenen Koppeln Rinder und Ziegen gehalten, die bisher hauptsächlich von Hund und Schäfer gehütet wurden.
Mit diesen neuen Maßnahmen werden mehrere Ziele verfolgt. Zum einen soll auf diese Weise der massive Besucherverkehr gelenkt und Störungen insbesondere durch frei laufende Hunde unterbunden werden. Die Weidetiere selbst sind durch freilaufende Hunde bzw. rücksichtslose Halter in der Vergangenheit oft in Gefahr gebracht worden, gefährdete Vogelarten vermutlich ebenso. Zum anderen bedeuten die Zäune natürlich eine wirtschaftliche Verbesserung für die Schäfer, die jetzt weniger Arbeitsaufwand haben.
Die Mohr/Pechau GbR (Glan-Rinder-Betrieb) und der Ziegenhof Stumpf sind für die Beweidung zuständig. Sie erfolgt im Zuge der Umsetzung von Kompensationsmaßnahmen des Flughafen Köln/Bonn. Dieser ist verpflichtet, für Eingriffe in die Wahner Heide an anderer Stelle Ausgleich zu erbringen.
Mit der Beweidung soll die traditionelle Nutzung der alten Heidebauern nachgestellt werden, durch welche die artenreiche und schöne Heidelandschaft im Laufe von Jahrhunderten entstanden war.
Die Koppeln sind sehr umstritten. Weil wir ein großes, meist negatives Feedback auf die Zäune bekommen, wollen wir an dieser Stelle versuchen, Pro und Kontra sachlich abzuwägen.
Das eindeutig viel zu dichte Wege- und Pfadenetz (ging aus der Nutzung als Panzerübungsgebiet hervor) im Geisterbusch verursachte - gekoppelt mit querfeldein laufenden Hunden - wahrscheinlich eine Beeinträchtigung insbesondere von bodenbrütenden Vogelarten. Im Geisterbusch konzentrieren sich Bestände mehrerer international gefährdeter Arten wie Schwarzkehlchen und Heidelerche. Ende der Neunziger wurden erhebliche Bestandsrückgänge beim Schwarzkehlchen registriert. Dafür dürfte wahrscheinlich weniger der Besucherverkehr als mehr die Veränderung der Landschaft in Folge der Aufgabe als Panzerübungsgebiet (Bewaldung) sowie nachfolgend unsachgemäße Pflegemaßnahmen (parzellenscharfe Entbuschung bei Belassung zahlreicher junger hoher Baume) verantwortlich gewesen sein. Diese Annahme wird zumindest durch die aktuellen, trotz massiven Besucherverkehrs wieder leicht steigenden Brutpaarzahlen gestützt. Nichtsdestotrotz besteht - glücklicherweise - sogar eine naturschutzrechtliche Verpflichtung, auch vermeintlich geringere Gefährdungspotenziale zu schwächen, wie eben den Besucherverkehr.
Ob gleich eine solch vehemente Ausgrenzung der Besucher erforderlich ist, bleibt fraglich.
Allerdings wird seit Jahren mit Schildern auf das Anleingebot hingewiesen - ohne nennenswerte Erfolge. Dass jetzt Zäune gezogen werden, dafür darf man sich nun bei jenen rücksichtslosen Mitbürgern bedanken, die sich nur für sich selbst interessieren und ihre Hunde in jedes Gebüsch jagen.
Ob mit oder ohne Zäune - es dürfte ohnehin zukünftig nur ein Teil des bisherigen Wegenetzes genutzt werden. Es ist für alle Beteiligten sinnvoll, wenn nicht alle zehn Meter ein Weg kreuzt oder parallel geführt wird, nicht zuletzt auch für Wanderer. Wer will schon Menschen sehen, überall wohin das Auge blickt? Welcher Teil der Wege entfallen sollte, darüber kann man natürlich im Einzelfall streiten.
Fraglich ist weiterhin, ob die eingesetzten Zäune den Anforderungen stand halten und ob sie ökologisch effizient sind.
In den Niederlanden sind Zäune dieses Typs nach Angaben der Viehbesitzer mit Erfolg eingesetzt worden, allerdings auf Großkoppeln von 500 ha Größe. Ob sie auch bei einer Größe von 20 ha funktionell sind, und ob sie dem hier vor Ort speziellen Hundehalterverkehr trotzen, muß ausprobiert werden. Ist einmal ein Hund trotz Elektroschock durch die Drähte geschlüpft, könnten die Folgen für Mensch und Tier schwerwiegender sein als die bisher erlebten.
Der Landschaftsökologe fragt sich, ob die Standweide die selben wünschenswerten Effekte erzielt wie die Hütehaltung, die in den vergangenen Jahrhunderten fast ausschließlich in der Wahner Heide angewendet wurde. In der Strabrechtse Heide sind offenbar positive Entwicklungen beobachtet worden, aber eben auf bedeutend größeren Koppeln.
Vieles hängt von der Weidedauer und der Stückzahl des Viehs ab. Hier bedarf es eines geeignteten Monitorings (Überwachung).
Viele machen sich Sorgen um die Großsäuger der Wahner Heide. Nach Angaben von Forstdirektor Pape springen Reh, Damhirsch und Rothirsch über den Zaun, Wildschweine kriechen trotz Stromschlag unter den Drähten durch.
Aufgrund der Bejagung nehmen diese Arten jeden Menschen als Gefahr wahr und haben eine entsprechende Fluchtdistanz. Das liegt zwar nicht ursächlich an den Heidebesuchern (sondern an den Jägern), führt aber dazu, dass der Geisterbusch mit seinen Besucherströmen bisher hauptsächlich als Durchgangsstation sowie als nächtlicher Lebensraum taugte. Das könnte sich durch Koppeln eventuell zum Teil ändern.
Die Koppeln sollen dem Erholungslenkungskonzept der Verwaltung zu Folge an einigen weiteren Stellen in der Wahner Heide eingerichtet werden.
Wichtig wird sein, eine Erprobungsphase von mehreren Jahren zu durchlaufen. Vorher sollten keine weiteren Koppeln eingerichtet werden, auch nicht im Kölner Teil des Geisterbuschs. Zur Verlagerung von problematischem Verkehr (Hundehalter aus der Großstadt) ist ohnehin die Verlagerung von Parkplätzen (Rösrather Weg, Brandweg) der Schlüssel, der Koppeln zum Zwecke der Erholungslenkung überflüssig machen dürfte.
Letztendlich muß die Standweide, auch wenn sie noch auf einige andere Flächen ausgedehnt werden könnte, räumlich sehr eingegrenzt und mit der Hütehaltung kombiniert werden. Nur so würde eine möglichst abwechslungsreiche Nutzung gewährleistet werden können, die den erwünschten Struktur- und Artenreichtum für Natur und Landschaft erzielt. Und wir erhielten uns weitestgehend die Schönheit und Wildheit der Wahner Heide.
H. Sticht





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