Die Rückkehr des Götterboten
18.08.07
Den einen ist er bekannt als tot gepflegter Staatsforst, den anderen als grüne Lunge Kölns. Doch seit dem Jahrtausendwechsel ist der Königsforst, der 1000 Jahre alte Frankenwald zwischen Bergisch Gladbach, Rösrath und der rheinischen Metropole vor allem eins: ein Naturschutzgebiet internationaler Prägung.
Viele staunten nicht schlecht, als Ende der 1990er Pläne zur Unterschutzstellung des Königsforsts in Umlauf gerieten, war dieser doch bei Naturschützern als monotone Holzplantage verschrien und eine Schutzwürdigkeit daher höchst fragwürdig. Doch aus politischen Gründen – man benötigte den Nachweis darüber, ein Mindestmaß an Waldflächen unter Schutz gestellt zu haben - engagierte sich der Eigentümer, das Land Nordrhein-Westfalen dafür, den Königsforst als EU-Vogelschutzgebiet nach Brüssel zu melden. Und was nicht mehr ist, konnte ja schließlich wieder werden. So erlebte der Wald doch noch, im fortgeschrittenen Alter seine Geburtsstunde als Naturschutzgebiet.
Eine Wanderung zum Rabenbruch, einem der zentralen ehemaligen Sumpfgebiete des Königsforsts eröffnet einem die Diskrepanz zwischen Plan und Realität. Das großflächige Moor- und Bruchgebiet ist mit einem Netz aus Entwässerungsgräben durchzogen und leidet seit Generationen an Trockenheit. Und die Schwarzerlen, die heute den Bruch bevölkern, sind erst vor wenigen Jahrzehnten generalstabsmäßig aufgeforstet worden und weit von einer natürlichen Altersstruktur entfernt.
Im ersten Moment paradox, aufgrund der dort noch ausreichenden Wasserversorgung schlüssig erscheint, dass Reliktarten des Erlenbruchs und der Moore ausgerechnet in eben diesen Entwässerungsgräben überdauert haben.
Ein Schließen oder Verlanden der Gräben würde sicher Wunder wirken. Sumpfveilchen, Winkelsegge und die Torfmoosarten, die wir in den Gräben entdecken, und mit ihnen zahlreiche weitere Arten der Weiden-Gebüsche, Kleinseggenrieder und Flachmoore könnten auch den Rest des Bruches wiedererobern. Und vielleicht sind noch die einen oder anderen Keimbetten erhalten, denen die Wiederherstellung des ursprünglichen Wasserstands Leben einflößen könnte.
Benannt wurde der Sumpf einst nach dem größten Singvogel der Welt, dem Kolkraben. Unsere größte Rabenvogelart war bei uns bis in die frühe Neuzeit hinein allgegenwärtig gewesen, doch seit Mitte des 19. Jahrhunderts erlitt sie drastische Bestandsrückgänge. Die gezielte Verfolgung mit Fallen, Giftködern und Flinten hinterließ bei diesem majestätischen Vogel fatale Wirkung. Im Rheinland brütete das letzte Rabenpaar 1952. Eine große Verbreitungslücke klafft spätestens seit Mitte des 20. Jahrhunderts im gesamten westlichen Mitteleuropa – ein weißer Flecken inmitten des ansonsten nahezu vollständig besiedelten Kontinents.
Für die Germanen war er ein heiliger Vogel. Den beiden Raben Hugin und Munin verdankt der „Chefgott“ Wodan sein Wissen und seine Weisheit, denn er sandte sie jeden Morgen aus, um in Erfahrung bringen zu lassen, was in der Welt vor sich ging. Doch den christlich Gesinnten galt er als „Pestvogel“, der mit den teuflischen Mächten im Bunde stand - wegen seines pechschwarzen Federkleids, und weil sich Raben früher gern auch über die sterblichen Überreste von hingerichteten, auf Schlachtfeldern oder durch Ansteckungskrankheiten getöteten Menschen hermachten. Als Dank also dafür, dass er einen Beitrag zur Seuchenbekämpfung leistete, machten die Anhänger des neuen Glaubens aus dem einstigen Göttervogel einen Geächteten.
Dieser Hass ging später in der „Religion“ der „Grünröcke“ auf. Das Jägerlatein brandmarkt den Kolkraben, wie eigentlich alle Rabenvögel, als tödliche Gefahr fürs so genannte Niederwild. Vor allem für solche Arten, die der Jäger lieber ganz allein für sich beansprucht. Es gab also Kräfte, die es zu einer Frage des Natur- und Tierschutzes erhoben, den bösen Kolkraben zu bekämpfen. Außerdem betätigten sich die schwarzen Vögel als gemeine Diebe auf Feldern und Äckern, sodass sie auch noch den Zorn von so manchem Bauern auf sich zogen. Oder störte einfach, dass der Rabe ähnlich erfolgreich war wie der „weise Mensch“?
Im Januar 2007 war ich im Bereich von Schwiegelshohn unterwegs, einem ehemaligen, zu Anfang des 20. Jahrhundert „untergegangenen“ Weiler inmitten des Königsforsts, der durch eine Sage um den bergischen Kurfürsten Jan Wellem Unsterblichkeit erlangte und heute durch an die hundert Jahre alte Fichten und Buchen bevölkert ist. Plötzlich vernahm ich aus wenigen hundert Metern Entfernung ein baritonales „krok“ - ein untrügliches Zeichen für die Gegenwart eines Kolkraben. Diese unverwechselbare Stimme hatte sich in Kindheitstagen, während Familienurlauben in Südtirol in mein Gedächtnis gebrannt. Umso exotischer aber erschien mir dieses Klangerlebnis hier im Königsforst, den ich besser zu kennen glaubte als meine Westentasche.
Zügig bewegte ich mich in Richtung der Klangquelle, als mich ein Rabe durch das dichte Nadel- und Blätterdach hindurch entdeckte. Lauthals krächzend kreiste er in Höhe der etwa 20 Meter hohen Fichten um meine Position, so als wollte er allen Waldbewohnern und -besuchern kundtun, dass er mich, den undurchsichtigen Wegelagerer, enttarnt hatte. Sein Artgenosse, den ich wenig später entdeckte, schien sich dagegen weniger für mich zu interessieren. Er beäugte mich aus der Deckung eines Fichtenwipfels heraus, um in einem der nächsten Augenblicke gen Westen, in die Richtung der Kölner Bucht zu fliegen. Doch sein nervöser Mitstreiter benötigte noch einige Minuten, bis er langsam von mir ablassen und seinem Kumpanen folgen wollte.
Natürlich kam in mir im Nu die Vermutung auf, es handele sich um ein junges Pärchen, dass ich an seinem zukünftigen Brutplatz gestört hatte. Vielleicht aber war dem Raben auch einfach nur langweilig gewesen, und es verschaffte ihm in dem ansonsten eintönigen Forst willkommene Abwechslung, mich zu ärgern.
Seit einigen Jahren, genauer gesagt seit Unterschutzstellung des Königsforsts im Jahre 2001 lassen sich Kolkraben hier wieder vermehrt blicken. Es scheint so, als hätten sie geahnt und flugs auskundschaftet, dass man ihnen in dem neuen Naturschutzgebiet wieder Raum bieten möchte. Vermutlich handelte es sich um jugendliche Vögel aus den expandierenden Brutgebieten am Niederrhein oder im Siegerland. Erst nach drei Lebensjahren entwachsen Raben der Pubertät, werden geschlechtsreif und sesshaft. Eine Menge Zeit, um ausgiebig zu vagabundieren und Neues kennen zu lernen, bevor man sich schließlich der Familienplanung widmet.
Gibt es heute überhaupt noch eine reelle Chance dafür, dass sich der Kolkrabe wieder dauerhaft im Königsforst ansiedeln kann?
Die Verfolgung ist gesetzlich verboten und damit offiziell beendet, auch wenn es sicher eine große Dunkelziffer von Abschüssen, eine hohe Rate von jagdlicher „Selbstjustiz“ gegenüber den vielfach noch verhassten Rabenvögeln gibt. Möglichkeiten, ungestört brüten und Nachkommen aufziehen zu können, bietet der Königsforst ansonsten sicher reichlich. Wesentliche Grundlage für eine Ansiedlung aber ist ein ausreichendes und möglichst vielfältiges Nahrungsangebot.
Kolkraben sind in Naturlandschaften in hohem Maße auf das Auffinden und Verwerten von Kadavern spezialisiert. Der Mensch aber macht inzwischen einen großen Strich durch diesen Speiseplan. Er selbst scheidet ja nunmehr als Nahrungsquelle weitgehend aus. Auch seine Weidetiere belässt er, sollten sie aus natürlichen Gründen draußen auf der Strecke bleiben, nicht mehr in der Fläche, da Hygieneverordnungen dies heutzutage EU-weit untersagen. Die wenigen verbliebenen wilden „Megaherbivoren“, die großen Pflanzenfresser also, die der Mensch nicht ausgerottet hatte, bejagt Homo sapiens im Königsforst konsequent. Oder sie enden als Fallwild auf seinen zahlreichen Straßen, wo sie meist zügig entdeckt und „entsorgt“ werden. Allen voran der Rothirsch, von dem es noch einen autochthonen, also nicht auf Aussetzung beruhenden, natürlichen Bestand im Königsforst gibt, und der aufgrund der hohen Zahl von Unfallopfern sogar kaum bejagt werden kann. Und Wölfe, Luchse oder Bären, bei deren Mahlzeiten auch noch etwas für die Raben abfallen würde, waren noch vor den Aasfressern im Königsforst ausgerottet worden.
Nun ist der Königsforst aber keine Naturlandschaft. Er ist eine Kulturlandschaft im Einzugsbereich eines urbanen Ballungsraumes mit Müllhalden, Schrebergärten, Hochhaussiedlungen und ihren Müllcontainerplätzen, künstlichen Gewässern, landwirtschaftlichen Produktionsflächen – und eben Verkehrswegen. Andere Rabenvogelarten wie Rabenkrähe und Elster erschließen sich tierische Unfallopfer, die - wie beispielsweise Wildkaninchen - wegen ihrer geringen Größe vom Menschen unbeachtet bleiben, als Nahrungsquelle. Oder sie betätigen sich als höchst mobile und trickreiche Resteverwerter von menschlichen Hinterlassenschaften. Und wenn die häufige Rabenkrähe im und am Königsforst ihr Auskommen finden konnte, warum sollte das nicht erst recht der körperlich überlegene Kolkrabe schaffen? In den USA hat er dies gebietsweise bereits getan. Es gibt schließlich kaum eine Vogelart, die als intelligenter und anpassungsfähiger gilt. Und es gibt kaum eine andere Vogelart im bevölkerungsreichsten Bundesland, die einen solch positiven Bestandstrend vorzuweisen hat.
Die definitive Antwort auf diese Frage muss erst einmal vertagt werden. Doch mit einem hat sich der Kolkrabe schon etabliert: er ist zum Botschafter eines genesenden, sich wieder zunehmend belebenden Königsforst avanciert. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich die einst zerstörten Lebensräume wiederentwickeln und ausgestorbene Arten wieder einwandern. Und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis das tiefe, voluminöse „krok“ wieder zu den vertrauten Klangerlebnissen des Königsforsts zählen wird.
HS
Zum Königsforst: http://www.königsforst.net





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