Entstehung und Entwicklung der Wahner Heide
Mit dem Begriff „Heide“ verbindet man weite, offene Flächen, die sich im Spätsommer mit der Blüte der Charakterpflanze, der Besenheide (Calluna vulgaris), rot-violett färben.
Diese sogenannte Calluna-Heide findet man in der Wahner Heide zum Beispiel am Fliegenberg, nordöstlich von Troisdorf. Dieser Heidetyp ist aber in der Wahner Heide nicht so verbreitet, wie er einmal war, und wie man als Tourist der Lüneburger Heide erwarten könnte.
Der Begriff „Heide“ meint nicht nur die Calluna-Heide. Ursprünglich war Heide ein Rechtsbegriff, der gemeinsames Weideland, sogenannte „Allmende“ kennzeichnete. Die traditionelle Nutzung der Bevölkerung ließ dann im Laufe von Jahrhunderten eine Kulturlandschaft entstehen, die wir heute als Heide bezeichnen.
Die Nutzung führte zu einer Verarmung der Böden
Beweidet wurde hier nicht nur mit Schafen, sondern auch mit Ziegen, Rindern und Schweinen. Das Vieh verhinderte den Jungaufwuchs von Bäumen und entzog durch den Verbiss Pflanzenteile und die darin gebundenen Nährstoffe dem natürlichen Kreislauf. Durch den sogenannten Plaggenhieb wurde der Nährstoffentzug beschleunigt: Oberboden mit Humus und Pflanzenteilen wurde dabei entfernt und als Streu in die Ställe gebracht. Durch diese Eingriffe verarmte der Boden immer weiter an Nährstoffen und der Baumwuchs wurde zusätzlich durch ständigen Verbiss gehemmt.
Wachsen können hier nur speziell angepaßte Pflanzen, die mit wenig Nährstoffen auskommen und zusätzlich Strategien gegen Schaden durch Verbiss gebildet haben. Die Besenheide etwa profitiert vom Wild und von den Weidetieren, die sie anknabbern, denn ihre Zweige werden auf diese Weise verjüngt und die Rohhumusbildung gedrosselt.
Eine andere Heidepflanze, der Wacholder (Juniperus communis), schützt sich durch dornige Blätter vor den hungrigen Mäulern der Paarhufer. Der Wacholder war in der Wahner Heide bis ins letzte Jahrhundert weit verbreitet. Heute ist der Wacholder aus der Wahner Heide verdrängt; u.a. systematische Kiefernaufforstungen haben ihm den Platz genommen. Derzeit laufen Bemühungen des Bundesforstamts, den Wacholder wieder anzusiedeln. Diese haben aber nur Sinn, wenn der Lebensraum des Wacholders wieder hergestellt ist: Weite, offene, beweidete Heideflächen. Ist dies wieder der Fall, wandert der Wacholder auf natürlichem Wege wieder ein: Über den Kot der unzähligen Drosselschwärme, die hier in jedem Winterhalbjahr Halt machen.
Die Heide als Offenland ist keine statische Landschaft. Vielmehr setzt schon wenige Jahre nach Aufgabe der traditionellen Nutzung der Baumwuchs ein, vor allem mit Birken (Betula pendula). Nach wenigen Jahrzehnten bildet sich an Stelle der Heide ein Birken-Pionierwald. Dieser wird schließlich von anderen Bäumen, in unseren Breiten je nach Bodenbeschaffenheit meist Buchen oder Eichen, abgelöst.
Soll die offene Heide erhalten bleiben, so bedarf sie ständiger Nutzung, z.B. durch Beweidung. Dies geschieht heute in einigen Teilen des Naturschutzgebietes. Bis heute sind aber durch das Versäumen von Schutzmaßnahmen weite ehemalige Heideflächen bewaldet. Alte Fotos von Anfang bis Mitte unseres Jahrhunderts zeigen eine weite, offene Wahner Heide. Heute dominiert in weiten Bereichen der Birkenwald.
Die Heideentstehung durch anthropozoogene (vom Menschen und seinen Weidetieren verursachte) Nutzung wird von einigen Wissenschaftlern als die größte Naturzerstörung vorindustrieller Zeit angesehen. Der in ihren Augen natürliche Wald mußte dem Weideland weichen.
Andere Autoren sehen in der Heide das Abbild der natürlichen Landschaft in Mitteleuropa. Berücksichtigt wird dabei, daß es vor der letzten Eiszeit eine Fülle von weidenden Steppentieren bei uns gab, die durch den Menschen ausgerottet wurden oder durch andere Gründe ausstarben. Diese Großtiere (Elefanten, Nashörner, 3 Büffelarten, Wildpferde etc.) hätten für die Entstehung offener, parkartiger Landschaften ähnlich unserer Heiden oder der Savannen Afrikas geführt.
Diese These wird durch zahlreiche Indizien und Beweise gestützt: Zahlreiche Fossilfunde belegen das Vorhandensein zahlreicher großer Steppenbewohner, die im Wald nicht existieren konnten; bisherige Pollenanalysen sind offenbar zu ungenau gewesen bzw. gaben nur Werte über bestimmte Bereiche Mitteleuropas wieder.
Zahlreiche Tier- und Pflanzenarten sind an die Heide als Lebensraum angepaßt; sie kommen teils nur hier vor. Sie müssen seit langem in ähnlicher Landschaft gelebt haben. Verschwindet die Heide, verschwinden auch die hierauf spezialisierten Arten. Das verpflichtet uns zum Erhalt des Lebensraumes Heide, eines Lebensraumes, der lebendige Natur- und Kulturgeschichte darstellt.





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