Wildnis – Neues Naturschutzkonzept für die Wahner Heide?
Vom 8. – 10. April 2005 fand in der Brandenburgischen Akademie „Schloss Criewen“ im Nationalpark „Untere Oder“ die Tagung „Wagnis Wildnis“ statt.
Neben ehrenamtlichen Naturschützern und Wissenschaftlern waren Vertreter fast aller Großschutzgebiete in Deutschland, Polen, Schweiz und Österreich anwesend. Auch das INFOzentrum Wahner Heide des Bündnis für die Wahner Heide e.V.entsendete einen Vertreter zu der Fachtagung.
Wildnisgebiete sind 1994 in Rio de Janeiro von der IUCN (International Union for Conservation of Nature and Nature Resources) international neu katalogisiert worden:
Kategorie I – Strenges Naturreservat/Wildnisgebiet: Es handelt sich um großräumige, nicht bewirtschaftete Schutzgebiete. Wildnis ist vor allem durch gänzlich fehlende Erschließung und Infrastruktur und somit aller Nutzungen charakterisiert. Der Hauptzweck ist die freie Entfaltung unbeeinflusster Abläufe in Landschaft bzw. Lebensräumen.
Ist Wildnis eine mögliche Zielvorstellung für das NSG Wahner Heide?
Generell hat eine Ausweisung der Wahner Heide –ob als Nationalpark oder als Wildnisgebiet- keine guten Erfolgsaussichten. Die Zerschneidung durch Verkehrswege und Siedlungen sowie die Präsenz von Gewerbe (Flughafen Köln-Bonn) wirken sich zu negativ auf das Naturschutzgebiet aus.
Zudem wäre es nicht wünschenswert. Es finden sich eine Großzahl von seltenen Tier- und Pflanzenarten in Biotopen wieder, die mit der Geschichte der Kulturlandschaft verknüpft sind. Ihr Überleben ist eng an angepasste landwirtschaftliche Nutzungen oder an naturschutzfachliche Pflegemaßnahmen gebunden.
Mit Sicherheit ist die Wahner Heide eine Arche Noah des Naturschutzes. Die grandiose Artenvielfalt und das unvergleichliche Biotopmosaik aus seltensten Lebensräumen ist für die Region, teilweise für Mitteleuropa einmalig. Würden die Biotoppflegemaßnahmen aufgrund des Prozessschutzes eingestellt und die Habitate der Sukzession überlassen werden, wären unzählige Arten dem Aussterben Preis gegeben. Im Umfeld wären keinerlei vergleichbaren Flächen vorhanden, wo z.B. Arten der Feuchtheiden eine Exklave finden können, bis in der Wahner Heide durch natürliche Eigendynamik wieder Flächen waldfrei werden und sich neue Feuchtheiden bilden können.
Im Verlaufe der Tagung zeigten sich jedoch anhand von ähnlichen Naturschutzgebieten viele gleiche Probleme bei der Erreichung von Zielvorstellungen des Naturschutzes.
Es existieren eine ganze Reihe von Naturschutzgebieten in Deutschland, die aus unterschiedlichsten Gründen keinen Titel der Schutzkategorien Wildnisgebiet, Nationalpark oder Biosphärenreservat tragen. Trotzdem haben diese oft eine sehr hoher Biodiversität und –wie im Fall Wahner Heide- eine internationale Bedeutung für den Arten- und den Biotopschutz. So wurden im jüngsten deutschen Nationalpark in der Eifel 240 Tier- und Pflanzenarten der „Roten Liste“ nachgewiesen. In der Wahner Heide, ca. 50 km entfernt, sind es mit ca. 700 Arten fast die dreifache Anzahl.
Die Wertschätzung, und damit die Schutzbemühungen sind folglich nicht nur an erfüllten Schutzgebietskriterien zu messen, sondern immer an der tatsächlichen Naturausstattung. Wie bedeutend die Wahner Heide im internationalen Kontext ist, zeigen die zahlreichen Lebensräume, die nach europäischem Recht geschützt sind.
Anhand den Vorträgen wurde deutlich, dass sich die Zielvorstellung „Wildnis“ in Naturschutzgebieten oft als nicht erfüllbar darstellt. Der dazu notwendige Prozessschutz gerät vor allem bei in dem Schutzgebiet tätigen Landnutzern unter die Räder.
Üblicherweise finden sich in Verordnungen der Naturschutzgebiete ein Artikel, der die ordnungsgemäße Forst- Land- und Wasserwirtschaft unberührt lässt. Für die Wahner Heide sind insbesondere die Maßnahmen der Forstwirtschaft bedeutende Faktoren. Daran angegliedert der Jagdbetrieb.
Eine ordnungsgemäße Forstwirtschaft legt zugrunde, dass die betreffende Fläche zur Bewirtschaftung dient. Dort wird die Ware Holz produziert. Jeder Vorgang, der Forstbäume schädigt, stellt einen Wertverlust dar.
Es wird daher von Schäden gesprochen, die entsprechend ihrer Ursache biotisch (z.B. durch Pflanzen, Tiere) oder abiotisch (z.B. durch Feuer, Sturm) benannt werden. Maßnahmen des Forstschutzes sollen diese Schäden verhindern, damit der Wertverlust vermieden oder so gering wie möglich gehalten wird.
Neben einer ganzen Reihe von vorbeugenden Maßnahmen, die hier nicht näher zur Diskussion gebracht werden sollen, wird aus Sicht des Naturschutzes besonders der Umgang mit Extremereignissen als kritisch angesehen.
Dabei handelte sich vor allem um die Bekämpfung von Massenvermehrungen von Insekten die forstwirtschaftlich bedeutende Bäume als Nahrungsgrundlage nutzen. Zudem das Aufforsten von Freiflächen, die durch Sturm, Feuer, Insekten oder andere „Störungen“ entstanden sind.
Weiterhin greift der Jagdbetrieb, bei dem Versuch eine „forstlich tragbaren Wilddichte“ zu erreichen, extrem in die Ökologie des Naturhaushaltes ein. Eine „forstlich tragbaren Wilddichte“ meint, dass der gepflanzte oder natürliche Nachwuchs von Forstbäumen vor dem Nahrungszugriff von Wildtieren geschützt werden soll, indem man diese dezimiert. Man versucht –kurz gesagt- Wild in so großer Stückzahl zu erlegen, dass möglichst jeder Jungbaum bis zur „Hiebsreife“ heranwachsen kann.
Zwei Widersprüche werden hier deutlich:
Zum einen die grundsätzliche Annahme der Wahner Heide von einer Forstbetriebsfläche. Tatsächlich aber ist hier das artenreichste Heide- und Heidemoorgebiet subatlantischer Prägung. Holz zu produzieren kann maximal ein Nebeneffekt sein, der neben der eigentlichen Zielvorgabe, dem Arten- und Landschaftsschutz, zufällig aufkommen kann.
Schon aus ökonomischen Gründen kann von der Bewirtschaftung Abstand genommen werden. Die ständig fallenden Rohholzpreise bringt die Wertschöpfung von Forstbetrieben gegen null.
Zum anderen ranken sich die oben genannten Forstmaßnahmen darum, Waldfläche zu sichern und Freifläche möglichst schnell wieder in Wald zu überführen. Das erscheint widersinnig, wo in der Wahner Heide ein finanzgewichtiges Biotopmanagement betrieben wird, um an anderer Stelle Waldentstehung zu verhindern.
In einem Heidegebiet sollten jene Eigenkräfte der Natur, die zur Entstehung von Offenlandflächen führen, nicht unterbunden werden. Es sind Orte, an denen die Natur in Eigenregie waldfreie Habitate kreiert. Insofern braucht auch die Wahner Heide Freiräume, um „Natur Natur sein zu lassen“. Abgesehen von naturschutzfachlichen Maßnahmen müssen Eingriffe von Bewirtschaftung wie Forst oder Jagd im Naturschutzgebiet grundsätzlich zur Debatte stehen.
Wer kann vorhersagen, ob die Rotwildbestände nicht lokal Freiflächen neu entstehen lassen können? (Siehe Artikel zur Megaherbivorentheorie). Warum soll es nicht möglich sein, dass ein Sturm Teile der Kiefernkulturen auf den nassen Standorten des Düffenbuch niederreißt und dort lichtbedürftigen Arten Lebensraum bietet, bis die Fläche durch einwandernde Bäume wieder erst nach vielen Jahrzehnten zu Wald geworden ist?
Die Wahner Heide, Schutzgebiet zugleich für Biotopmanagement und für Wildnis.
M.Bathen





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